Handwerksmesse München: Wirtschaft fordert Reformjahr 2026
<p>Die Internationale Handwerksmesse in München war in diesem Jahr weit mehr als eine Leistungsschau des deutschen Handwerks – sie wurde zur Bühne für eine unmissverständliche Botschaft an die Bundesregierung. Am Rande der Messe traf Bundeskanzler Friedrich Merz auf die Spitzenvertreter der deutschen Wirtschaft, die mit klaren Worten mehr Mut zur Veränderung einforderten. Der Tenor: 2026 muss zum Jahr der Reformen werden, sonst droht der Wirtschaftsstandort Deutschland an einen Kipppunkt zu geraten.</p>
<h2>Spitzentreffen am Rande der Messe</h2> <p>Traditionell nutzen die Präsidenten der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA), des Bundesverbandes der Deutschen Industrie (BDI), der Deutschen Industrie- und Handelskammer (DIHK) sowie des Zentralverbandes des Deutschen Handwerks (ZDH) das Münchener Spitzengespräch, um gemeinsam mit dem Bundeskanzler über die Lage der deutschen Wirtschaft zu sprechen. Auch 2026 veröffentlichten die vier Verbände dazu eine gemeinsame Erklärung. Darin machen sie deutlich, welche Veränderungen aus ihrer Sicht jetzt dringend notwendig sind, um Wachstum und Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Wirtschaft wieder zu stärken.</p> <p>DIHK-Präsident Peter Adrian brachte die Dringlichkeit auf den Punkt: <strong>„Deutschlands Wirtschaft muss wieder auf den Wachstumspfad gelangen. Dazu brauchen wir Reformen für die gesamte Breite der Unternehmen.“</strong> Er verwies zudem auf die angespannte Ausgangslage: <strong>„Deutschland ist nach wie vor in schwerem Fahrwasser, die Wirtschaft kommt nur sehr langsam vom Fleck und die aktuellen Energiepreise belasten zusätzlich.“</strong></p>
<h2>Deutliche Worte der Verbandspräsidenten</h2> <p>Die gemeinsame Erklärung der Wirtschaftsverbände ist ungewöhnlich scharf formuliert. Nach drei Jahren ohne nennenswertes Wachstum – laut Wirtschaftsbilanz gab es in diesem Zeitraum lediglich zwei Quartale mit Wachstum – sprechen viele Indikatoren nach Ansicht der Verbände dafür, dass die Widerstandskräfte der deutschen Wirtschaft erodieren. Die Bundesregierung habe zwar im ersten Regierungsjahr wichtige Initiativen auf den Weg gebracht, doch reichten diese bei Weitem nicht aus. Viele Vorhaben stünden bislang nur als Ankündigung auf dem Papier.</p> <p>Auch ZDH-Präsident Jörg Dittrich äußerte sich enttäuscht über das Tempo der Umsetzung: <strong>„Nach einem Herbst, der vor allem einzelne Reförmchen, aber kaum Ergebnisse gebracht hat, die im Betriebsalltag zu spüren sind, hat sich in vielen Handwerksbetrieben deutlich Enttäuschung breitgemacht.“</strong> Die Aussage steht sinnbildlich für die Stimmung im Mittelstand, der auf spürbare Entlastungen im Alltag wartet, statt auf symbolische Ankündigungen.</p>
<h3>Kernforderungen für 2026</h3> <ul> <li><strong>Strukturreformen der Sozialsysteme</strong>, etwa eine Anhebung des Renteneintrittsalters</li> <li><strong>Senkung der Körperschaftsteuer</strong>, um Standortnachteile im internationalen Vergleich auszugleichen</li> <li><strong>Stärkung des EU-Binnenmarktes</strong> als „Heimatmarkt“ der deutschen Wirtschaft, verbunden mit dem Abbau regulatorischer und administrativer Hürden</li> <li><strong>Zügige Umsetzung der Omnibus-Pakete</strong> der EU für spürbare Entlastungen</li> <li><strong>Schnelles Inkrafttreten der Handelsabkommen mit Mercosur und Indien</strong> sowie weitere Freihandelsabkommen</li> </ul> <p>Diese Forderungen zielen darauf ab, Betriebe aller Größenordnungen – vom Handwerksbetrieb bis zum Industriekonzern – gleichermaßen zu entlasten und Deutschland wieder international wettbewerbsfähig zu machen.</p>
<h2>Reaktionen aus der Politik</h2> <p>Auf der Messe positionierte sich auch Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche als Fürsprecherin ordnungspolitischer Reformen innerhalb der Regierung. Vor Publikum in München kündigte sie an, sich gegen höhere Erbschaftsteuern einzusetzen: <strong>„Wir werden alles dafür tun, dass keine höheren Erbschaftsteuern kommen.“</strong> Betriebsvermögen dürfe nicht wegbesteuert werden, so Reiche, die dafür Applaus erntete.</p> <p>Auch aus der Automobilbranche kamen mahnende Worte. VDA-Präsidentin Hildegard Müller verwies auf den anhaltenden Strukturwandel hin zur Elektromobilität, der weiterhin zu Beschäftigungsverlusten führen dürfte. Entscheidend seien dabei die politischen Rahmenbedingungen: <strong>„Alles, was Wachstum schafft, muss jetzt politisch angegangen werden.“</strong> Diese Einschätzung deckt sich mit der grundsätzlichen Kritik der Wirtschaftsverbände, dass bisherige Maßnahmen wie Aktivrente, Bürgergeld-Reform oder Investitionsprogramme wichtige, aber keine strukturellen Lösungen seien.</p>
<h2>Fazit: Ein Jahr der Bewährung</h2> <p>Die Internationale Handwerksmesse München hat einmal mehr gezeigt, wie eng wirtschaftspolitische Debatten und Messegeschehen miteinander verknüpft sind. Für die deutsche Wirtschaft steht 2026 auf der Kippe zwischen Aufbruch und fortgesetzter Stagnation. Ökonomen sprechen bereits von „Wochen der Reförmchen“ statt eines echten Herbsts der Reformen. Ob es der Bundesregierung gelingt, aus Ankündigungen konkrete, spürbare Entlastungen für Betriebe zu machen, wird sich im Laufe des Jahres zeigen. Klar ist: Die Erwartungen der Wirtschaftsverbände sind hoch – und die Geduld der Betriebe ist begrenzt.</p>